Ich war in einem Hallenbad und fand die Rutsche nicht, obwohl ich jede Tür öffnete. Sauer wie ich war stieg ich in den Zug, der zum Glück direkt in den Umkleideräumen hielt. Als ich mich setzte lief die Zeit irgendwie rückwärts*, so dass ich erst die Reaktion der Fahrgäste hörte und dann das, worauf sie reagierten: Meine Flucherei.
Die ältere Frau neben mir machte sich die ganze Zeit über Notizen. Dass das Hallenbad keine Rutsche hatte empfand sie als persönliche Beleidigung, doch sie würde die Anklagepunkte gegen mich fallenlassen, wenn ich sie heiraten würde.
Als C., F., R. und ich 13 waren und unserem Alter entsprechend nicht mehr als Blödsinn und Vakuum im Kopf hatten, bezeichneten wir uns gegenseitig gerne und oft als Bauern. Zur Begrüßung (Hey Bauer!), als Ausdruck der Wertschätzung (Krasse Aktion, Bauer!) und natürlich zur Verabschiedung (Ciao Bauer!).
Um unserem Lieblingswort den gebührenden Respekt zu zollen, beschlossen wir gemeinsam in einer ruhigen Minute des Nichtnachdenkens, es an der Toilettenwand der Schule temporär zu verewigen.
Die roten Eddinge hatten wir in weiser Voraussicht schon vorher unserer Gesellschaftslehrelehrerin stibitzt.
Zu viert, mehrere Stufen auf einmal herunterspringend, dabei natürlich laut Bauer skandierend, machten wir uns auf den Weg ins Erdgeschoss, wo sich die Toiletten der Unter- und Mittelstufe befanden.
Unser präzise ausgeklügelter Plan ging perfekt auf: Nur ein harmloser Fünftklässler befand sich mit uns im Raum, als wir nahezu zeitgleich die Kappen von den Stiften entfernten und zu Ehren aller Landwirte begannen die Wand zu beschriften. Du hast nichts gesehen raunten wir dem Fünftklässler zu, als der sich auffällig unauffällig aus den Toilettenräumen verabschiedete.
Das Problem war nur: Er hatte was gesehen.
In der nächsten Pause wurden wir vier Idioten von unserer Klassenlehrerin zum Gespräch gebeten. Kleine Anmerkung zu ihrer Person: Sie wurde in Rumänien geboren, sprach mit entsprechendem Akzent und stark rollendem R. Nachdem wir uns gesetzt hatten, stellte sie uns in aller Ruhe eine einfache Frage: Warum schreibt ihr Bauer an die Wand?
Stille.
Was sollten wir auch sagen? Wir wussten es ja selbst nicht. Keine Ahnung, warum wir Bauer an die Wand schrieben; vielleicht weil… wir es konnten?
Verständlicherweise war sie mit unserem Schweigen nicht zufrieden, aber Profi genug um schnell von der Schuld- zur Bestrafungsfrage zu kommen. Da wir — von der Bauer-Aktion abgesehen — zu diesem Zeitpunkt noch nicht außerordentlich viel Mist gemacht hatten (d.h. nicht bei allen Schandtaten erwischt wurden), beließ sie es bei einer Wiedergutmachung: Wir sollten am anstehenden Elternsprechtag (ausgerechnet!) morgens um acht beim Hausmeister vorsprechen, um uns Reinigungsmittel von ihm zu borgen, um damit die Bauer-Schriftzüge von der Toilettenwand zu entfernen.
Also trafen wir uns am besagten Tag um zehn in der Stadt, um erstmal ein wenig herumzulaufen. Als uns langweilig wurde und wir langsam Richtung Schule trotteten, zog C. ohne Vorwarnung aus der Auslage eines Lottoladens die aktuelle Ausgabe der Bravo Screenfun und rannte davon.
Panisch flüchteten wir alle in verschiedene Richtungen, ich rannte nach Hause und traute mich mehrere Wochen nicht mehr an dem Lottoladen vorbeizugehen.
Am nächsten Schultag wurden wir von der Klassenlehrerin gefragt, ob wir die Schmiererei auf der Toilette entfernt hätten, was wir ja augenscheinlich nicht gemacht haben. Trotzdem bejahten wir ihre Frage, und damit war die Sache auch für sie erledigt.
Rauchend saß ich in der Küche und dachte wie immer an viel Böses, als das Schicksal eine neue Seite im Münster-Drehbuch aufschlug.
Auf einmal war er da. Nassgeregnet saß er auf der Fensterbank, die sonst den Dohlen vorbehalten ist, und bat um Einlass. Sich seiner eigenen Reize durchaus bewusst, drückte er die Pfoten von außen an die Scheibe, maunzte leise, wir MUSSTEN in rein lassen, es war alternativlos.
Er schaute sich um, inspizierte die Wohnung, steckte seine Arme in die Löcher der Badezimmertür und entschied sich dann wie selbstverständlich für ein kleines Schläfchen auf dem roten Teppich. Als ob es nie etwas anderes gegeben hätte.
Eine Stunde später ließen wir ihn wieder hinaus in die Nacht. Das Radio spielte melancholisch-leichte Gitarrenmusik. Hollywood hätte den Moment des Abschieds schmalziger nicht inszenieren können.
Ein paar Tage später saß er zur allgemeinen Erleichterung wieder auf der Fensterbank.
Was für ein Kater. Er ist jung, jugendlich verspielt und (hyper)aktiv, ohne jede Menschenscheu (das hört sich hier langsam an wie bei Tiere suchen ein Zuhause im WDR); er muss jedem Geräusch auf den Grund gehen und rotiert hundegleich, bevor er seine präferierte Schlafposition gefunden hat.
Wieso wir ihn letztendlich Joseph nannten weiß ich gar nicht mehr. Seinen wahren Namen wollte er uns nicht verraten und Hey! bzw. Pfeifgeräusche sind auch keine Dauerlösung. Mittlerweile bilden wir uns ein, er würde auf Joseph hören, doch eigentlich könnten wir auch jeden beliebigen Namen rufen. K. träumte jüngst er würde Nico heißen und bei einer älteren Dame wohnen.
Seit unserer ersten Begegnung ist nun ein guter Monat vergangen. Wir sind eher unfreiwillig wieder zu Teilzeitkatzenbesitzern geworden. Joseph kommt und geht nach eigenem Ermessen. Mal ist er für mehrere Tage verschwunden, mal kommt er zweimal täglich um es sich auf der Couch für ein gepflegtes Nickerchen bequem zu machen.
Aus Gründen, die ich auch einen Tag später noch nicht genau nachvollziehen kann, holte ich gestern zusammen mit Herrn Jottt den amerikanischen DJ und Vollzeitoldschooler Charles Glenn, unter HipHophistorikern besser bekannt als Afrika Islam, vom Flughafen ab und brachte ihn zu seinem Auftritt ins Kultopia in Hagen.
Während der 50km-Hinfahrt nach Düsseldorf zerbrachen wir zwei Angsthasen uns den Kopf, wie wir ihn ansprechen sollten. Mr. Islam? Monsieur Afrika? Charles?? Die Entscheidung wurde verschoben.
Spätestens als wir am Flughafen ankamen war die Nervosität von Herrn Jottt auch von Stevie Wonder nicht mehr zu übersehen. (*tusch*) Denn sollte bei der ganzen Aktion etwas schiefgehen wäre vor allem SEIN Hintern gearscht: Das ist ja immerhin ein Prominenter! Am liebsten hätte er mehrere Zigaretten gleichzeitig geraucht.
IMMERHIN kamen wir schon nach einer Viertelstunde Umherirren auf die Idee, mal auf die Ankunftstafeln zu schauen. Ganz unspektakulär reiste der werte Herr Afrika aus Berlin an, und laut Anzeige war seine Lufthansamaschine seit gut einer halben Stunde gelandet. Wir wurden bleich. Herr Jottt sah sich bereits einem Kündigungsschreiben ausgesetzt. Vielleicht mussten wir heute Abend noch eine Leiche identifizieren. Oder, noch schlimmer: Taxirechnungen bezahlen!
Wir liefen also zur Gepäckausgabe 4 und beruhigten uns dann doch recht schnell wieder, als wir sahen, dass zunächst noch die Urlauber aus Fuerteventura, allesamt in T-Shirts, aus der Zollkontrolle kamen.
Dann wurde es leerer. Bald standen wir zwei Amateure ziemlich alleine herum. Sichtlich geschockt sah Herr Jottt auf die Anzeigetafel über uns: Von einem Flug aus Berlin war da nicht mehr die Rede. Wir panikten entsprechend, entschieden uns aber ganz rational zum letzten aller Mittel: einer großen Ausrufaktion.
Der Mensch an der Flughafeninformation verstand nicht, wen genau er denn jetzt ausrufen soll. Also er heißt Afrika, richtig?
Könnte sein.
Ein paar angespannte Minuten später wurde zu unserer Überraschung Herr Jottt ausgerufen; er solle sich bitte zu McDonald’s begeben. — Was? Wir versicherten uns gegenseitig, dass das eben Gehörte keine Halluzination war, änderten die Laufrichtung, und tatsächlich: Es war Mr. Afrika Islam himself, der da leicht angepisst dreinblickend am Eingang des Burgerbraters stand. Gehobener Jogginganzug von Pelle Pelle, weiße Nikeschuhe, den Fischerhut celebritymäßig tief ins Gesicht gezogen, insgesamt nicht mehr als einen Meter sechzig groß.
I’m cool, cool war seine Antwort zur nun auf ihn hereinbrechenden Entschuldigungsorgie meinerseits. Anders als erwartet wurden wir nicht von zwei quer gehaltenen Ghettopistolen niedergestreckt.
In weiser Voraussicht entschuldigte ich mich bei der Gelegenheit auch gleich für die Größe von Herrn Jottts Wagen, der, um die Peinlichkeit auf die Spitze zu treiben, noch nicht mal Herrn Jottt selbst, sondern seiner Mutter gehörte. Aber auch das konnte den zweifachen Grammygewinner nicht schocken. As long as it get’s me there, I don’t care. But it does have four wheels, right?
Hell yeah!
Und so brausten wir durch die Nacht. Die Aufgaben waren verteilt: Herr Jottt fuhr den Kleinwagen und lachte an den richtigen Stellen, ich spielte den Übersetzer und stellte vom Rücksitz aus ermunternde Fragen, Afrika Islam gestikulierte wild herum und kommentierte das Weltmusikradio von Funkhaus Europa, das ihm wohl zusagte, obwohl weder Funk noch House, trotz des Namens.
Sicher, mit Westbam steht er noch in Kontakt, he’s just one phone call away. Ende der Neunziger waren die beiden als Mr. X & Mr. Y unterwegs, legten zusammen auf bei Mayday und Loveparade. Eine erneute Zusammenarbeit ist auch geplant, ein ganzes Album soll es werden, irgendwann vielleicht mal.
Themawechsel: Ice-T and me, we invented gangsta rap! — Das stimmt zwar nicht so ganz, hört sich aber interessant an. Die nun von Herrn Jottt und mir mit Spannung erwartete Gründerväterstory, in der der 18jährige Charles Glenn sich tagsüber den Weg durch den New Yorker Drogendschungel kämpft und abends dann bei DJ-Battles abräumt, bleibt leider aus. Stattdessen hören wir seine Meinung über Berliner Freizeitgangster á la Bushido, und sein Urteil fällt dann auch nicht gut aus, obwohl er ja nicht mal versteht, was diese Idioten da auf Deutsch von sich geben. Rap that in Brooklyn, I say. Rap that in Brooklyn!
Auch insgesamt gefällt ihm der deutsche HipHop nicht besonders. Why the shit are their beats so damn slow? Einzig den imagegewandelten Jungs von Deichkind kann er etwas abgewinnen; auch Curse hat es ihm wohl angetan. Zu den ehemals charttauglichen Rappern aus Hamburg und Stuttgart, von denen ich ohne groß nachdenken zu müssen ein gutes Dutzend aufzähle, hat er keine Meinung und winkt ab. Never heard of these guys… but I’m sure I hate Bushido.
Als wir die Autobahn verlassen fragt er, ob wir an der nächsten Tankstelle halten können. Den ersten Teil von “Jägermeister” spricht er aus wie den Nachnamen von Mick Jagger; ich sehe den richtigen Zeitpunkt gekommen ihn zu fragen, ob er noch Teil der Zulu-Nation ist, von denen viele Mitglieder das Leben auch ohne Alkohol- und Drogenexzesse zu meistern wissen.
Sicher, er ist auch heute noch ein Zulu, wie Westbam, Torch und sein geistiger Ziehvater (Zitat Wikipedia) Afrika Bambaataa. Das mit dem Jägermeister war auch nicht so gemeint, er möchte nur eben Wasser und Salzstangen kaufen. Im Rückspiegel sehe ich eine hochgezogene Augenbraue von Herrn Jottt.
Den kurzen Aufenthalt an der Tankstelle nutzen wir zum Durchatmen und versichern uns, dass es eigentlich ganz gut läuft. Afrika Islam kommt mit einer Flasche Wasser und Salzstangen zurück zum Wagen, eine Hosentasche seines Jogginganzugs ist verdächtig ausgebeult, aber Herr Jottt und ich sind Profi / feige genug ihn nicht darauf anzusprechen.
Als wir dann die trostlose B7 entlang fahren, die uns über Haspe und Wehringhausen zum Stadtzentrum führt, halte ich es für angebracht unserem Gast von seinem Zwei-Sterne-Hotel in Bahnhofsnähe zu erzählen. Jay-Z würde dort sicher nicht absteigen, aber der käme auch nie auf die Idee mal nach Hagen zu kommen. Afrika Islam hingegen, vorher eine Woche lang zu Promotionszwecken seines Charlie Funk-Projekts durch Polen getingelt, hat nicht mehr Komfort als nötig erwartet.
Was ihn viel mehr beschäftigt sind die leer gefegten Straßen: Where is everybody? Watching German Idol? Langsam dämmert es ihm wohl doch, welche Art von Stadt Hagen ist. Jetzt ist es eh zu spät.
Beim Anblick der winzigen Lobby des Hotels fühle ich mich so wie Hunter S. Thompson das abgewrackte Las Vegas erlebt haben muss: Der schwer überforderte und leicht homosexuelle Rezeptionist (This iss se sign for se breakfist ruum. It’s in se morning of course!) dazu die vielen Windungen des Möchtegern-Jugendstil-Teppichs, verstörende Portraits von deutschen Politikern an den Wänden… vollgepumpt mit Drogen möchte ich diesen Ort nicht erleben.
Während Afrika Islam als Charles Glenn eincheckt sehe ich, dass er eine Adresse in Hollywood, LA angegeben hat. Rap that in Brooklyn?
Natürlich verpassen wir auch die letzte Chance für einen Beweis, dass die letzten Stunden tatsächlich stattgefunden haben. Meine Kamera liegt selbstverständlich unten im Wagen. Autogrammkarten oder ähnlichen Blödsinn hat Mr. Glenn auch nicht dabei, er steckt uns ein paar Promotions-CDs zu und freut sich über das nicht allzu abgefuckte Badezimmer seines Hotelzimmers, das natürlich ganz am Ende des Flurs im obersten Stockwerk liegt.
Mir drückt er noch die neueste Ausgabe des Lufthansa-Magazins in die Hand, die ich dann während der Zugfahrt nach Hause mangels Alternativen mit dem entsprechenden Desinteresse lese. Auf Seite 52 ein Foto von Afrika Islam, auf dem Gepäckband vor ihm seine ausgepackten Habseligkeiten. Überschrift: Travelling in style.
Wenn diese Odyssee zwischen genossenschaftlichen Empfangsdrachen und spurlos verschwundenen Handwerkern endlich vorbei ist schreibe ich ein Buch: Der Proceß 2.0