Lemming

Ich kenne da jemanden, der wohnt in Pflastersteinwurfweite zu einer S-Bahn-Station. Da dieser jemand nicht in Berlin wohnt, fahren die S-Bahnen auch tatsächlich vergleichsweise zuverlässig.

Tagein, tagaus hört er die Bahnen rollen. Er kennt den Fahrplan auswendig, auch sonntags. Er weiß, wann die erste und wann die letzte kommt, das finde ich sehr praktisch, wenn ich ihn besuche. In Gesprächen mit ihm kann es durchaus vorkommen, dass er plötzlich aufsteht, zum Fenster geht und Sachen sagt wie Da ist aber einer spät dran! Dieser Mensch lebt S-Bahn.

Seine Arbeitsstelle liegt zwei Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt, und damit nähern wir uns langsam dem Grund für diesen Rant-Artikel an. Er fährt nämlich nicht mit der S-Bahn.

Ich kann nicht so richtig erklären, warum er das nicht macht, er selbst kann es kaum in Worte fassen. Aus irgendwelchen Gründen zieht er es vor, sich morgens in ein uraltes Auto zu setzen, um sich für 20 Minuten wie ein Lemming im Berufsverkehr fühlen zu dürfen. Mit der Bahn wäre er in zehn Minuten an seinem Arbeitsplatz.

Als Azubi mit unverschämt niedrigem Gehalt würde er ein vergleichsweise günstiges Monatsticket bekommen, aber auch das zieht nicht als Argument. Sein Auto ist ständig kaputt, er braucht hier Winterreifen, muss da die Versicherung bezahlen und von Benzinpreisen will ich gar nicht erst anfangen. Er schickt mir SMS mit [Name eines Autoteils] im Arsch. 300 Euro. :(

Ich fragte ihn mal, wie viel Prozent seines Gehalts Monat für Monat für sein Auto draufgehen. Er wusste es nicht. Und wenn er schätzen müsste? Keine Ahnung.

1 Kommentar 07. January 2012

27

So fühlt sich das also an, dachte ich mir selbst zu, wenn man 26 wird. Dann rechnete ich kurz nach und stellte fest, dass es sich so also anfühlt, wenn man 27 wird. Deutlicher kann sich die Irrelevanz eines solchen Geburtstages nicht zeigen. Früher war das natürlich anders, klar, so wie früher eben alles anders war, als man sich damit beschäftigte, was sein wird, was man darf, wenn.

Heute macht es keinen Unterschied mehr. Ob 26 oder eben 27, wen soll das auch großartig interessieren, wenn es einem selbst schon so egal ist. Nichts hat sich geändert, was ich prinzipiell begrüße, schon im handgeschriebenen Zeugnis der ersten Klasse stand neben der ermunternden Aussage, dass ich über einen vergleichsweise großen Wortschatz verfügen würde, Unvorhergesehende Ereignisse bereiten ihm Schwierigkeiten, story of my life.

Kommentieren 06. January 2012

Thanks, come again

Vor zwei Jahrzehnten hatte ich einen Freund mit indischen Wurzeln. Er trug den typisch indischen Namen Daniel und konnte sehr gut den Inder machen, ein Talent, welches er mit meinem Allzeithelden Ranga Yogeshwar teilte.
Daniel lud mich zu einem Deutsch-Indischen-Kulturtreffen ein, das stilecht in einer Turnhalle stattfinden sollte. Wie das so ist bei solchen Veranstaltungen war ich der einzige Mensch mit heller Haut, was aber kein Problem darstellte, sah ich doch nicht ständig in den Spiegel und meine weißen Hände steckten zudem in Torwarthandschuhen, denn wir spielten vor der Turnhalle Fußball und hielten uns gegenseitig die Ohren zu, ob der schrägen Musik.

Zum Essen gingen wir dann doch hinein, Daniel warnte mich eindringlich vor der Schärfe, ich wiegelte ab, schob einen Löffel Undefinierbares in den Mund, hörte die Sterne läuten und die Glocken funkeln. Für den Rest des Abends beließ ich es dann vorsichtshalber bei Brot und Cola und wir gingen wieder nach draußen, um unsere Partie Hoch-Rein zu beenden, die, wie Daniel mir mit der Glaubwürdigkeit eines Achtjährigen versicherte, in Indien Das deutsche Spiel hieß.

Kommentieren 06. January 2012

Schlechtes Neues

Den Jahreswechsel verbrachte ich mit 40 Millionen Grad Fieber im Bett, umgeben von implodierenden Sonnen und kreischenden Eunuchen, als Kampfrichter im Wettbewerb der lautesten Staubsauger der Welt.
In meiner Verzweiflung bat ich den heiligen Gottesvater St. Jesus-Maria-Zölibat, geheiligt sei sein Name, er möge wenigstens der Böllerei ein Ende machen, war ich doch schon gepeinigt genug, all meiner Sünden zum Trotz, ich würde ihm zu ehren auch mehrere Gotteshäuser zerstören, wenn es mir je wieder besser gehen würde.
Die elende Silvesterknallerei hörte tatsächlich nach und nach auf, und ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es bereits halb zwei war, nice try, god! Im anschließenden Fiebertraum sah ich mich einem endlos ausdehnenden Kabelball ausgesetzt, den es zu entwirren galt. Wie kann man sich nur so eine Scheiße vorstellen?

Kommentieren 05. January 2012

Floss

Ich dachte erheblich länger als nötig, dass es Zahnseile statt Zahnseide heißt. Ergibt doch auch viel mehr Sinn, oder? Heute werde ich mir die Zähne seilen.

Ich dachte bis eben, dass an sich in einem Wort geschrieben wird. Damn you, Samy Deluxe!

Wann immer sich mir die Möglichkeit ergibt, auch das war schon mal Thema hier, verwechsle ich synchron mit symmetrisch. Die Sportart mit den überschminkten Damen in Badekappen heißt also Symmetrieschwimmen, und mathematisch bestimmte Schönheit basiert auf synchronen Gesichtshälften.

Als Kindergartenkind stellte ich mir Gott als Michelin-Männchen vor. Wenn wir Blätter von den Sträuchern rissen, schritt die Kindergärtnerin ein und sagte Die Pflanzen machen aua aua! Für meine politische Sozialisation war dieser Satz ebenso wichtig wie die eine Folge Löwenzahn, in der Peter Lustig erklärt, dass die Industrieabgase zwar in die Luft geblasen werden, aber letztendlich doch wieder auf die Erde zurückkommen. Verschmutzungsrechte.

Kommentieren 19. December 2011

Ältere Einträge



9

Open Contest | SearchRequest
1000ff | clubhub

Neue Kommentare

Kategorien

Lesenswert

Sehenswert

Copy & Quote