Archiviert unter 'Aufzuggedanken (gerne auch ohne Aufzug)'
Als C., F., R. und ich 13 waren und unserem Alter entsprechend nicht mehr als Blödsinn und Vakuum im Kopf hatten, bezeichneten wir uns gegenseitig gerne und oft als Bauern. Zur Begrüßung (Hey Bauer!), als Ausdruck der Wertschätzung (Krasse Aktion, Bauer!) und natürlich zur Verabschiedung (Ciao Bauer!).
Um unserem Lieblingswort den gebührenden Respekt zu zollen, beschlossen wir gemeinsam in einer ruhigen Minute des Nichtnachdenkens, es an der Toilettenwand der Schule temporär zu verewigen.
Die roten Eddinge hatten wir in weiser Voraussicht schon vorher unserer Gesellschaftslehrelehrerin stibitzt.
Zu viert, mehrere Stufen auf einmal herunterspringend, dabei natürlich laut Bauer skandierend, machten wir uns auf den Weg ins Erdgeschoss, wo sich die Toiletten der Unter- und Mittelstufe befanden.
Unser präzise ausgeklügelter Plan ging perfekt auf: Nur ein harmloser Fünftklässler befand sich mit uns im Raum, als wir nahezu zeitgleich die Kappen von den Stiften entfernten und zu Ehren aller Landwirte begannen die Wand zu beschriften. Du hast nichts gesehen raunten wir dem Fünftklässler zu, als der sich auffällig unauffällig aus den Toilettenräumen verabschiedete.
Das Problem war nur: Er hatte was gesehen.
In der nächsten Pause wurden wir vier Idioten von unserer Klassenlehrerin zum Gespräch gebeten. Kleine Anmerkung zu ihrer Person: Sie wurde in Rumänien geboren, sprach mit entsprechendem Akzent und stark rollendem R. Nachdem wir uns gesetzt hatten, stellte sie uns in aller Ruhe eine einfache Frage: Warum schreibt ihr Bauer an die Wand?
Stille.
Was sollten wir auch sagen? Wir wussten es ja selbst nicht. Keine Ahnung, warum wir Bauer an die Wand schrieben; vielleicht weil… wir es konnten?
Verständlicherweise war sie mit unserem Schweigen nicht zufrieden, aber Profi genug um schnell von der Schuld- zur Bestrafungsfrage zu kommen. Da wir — von der Bauer-Aktion abgesehen — zu diesem Zeitpunkt noch nicht außerordentlich viel Mist gemacht hatten (d.h. nicht bei allen Schandtaten erwischt wurden), beließ sie es bei einer Wiedergutmachung: Wir sollten am anstehenden Elternsprechtag (ausgerechnet!) morgens um acht beim Hausmeister vorsprechen, um uns Reinigungsmittel von ihm zu borgen, um damit die Bauer-Schriftzüge von der Toilettenwand zu entfernen.
Also trafen wir uns am besagten Tag um zehn in der Stadt, um erstmal ein wenig herumzulaufen. Als uns langweilig wurde und wir langsam Richtung Schule trotteten, zog C. ohne Vorwarnung aus der Auslage eines Lottoladens die aktuelle Ausgabe der Bravo Screenfun und rannte davon.
Panisch flüchteten wir alle in verschiedene Richtungen, ich rannte nach Hause und traute mich mehrere Wochen nicht mehr an dem Lottoladen vorbeizugehen.
Am nächsten Schultag wurden wir von der Klassenlehrerin gefragt, ob wir die Schmiererei auf der Toilette entfernt hätten, was wir ja augenscheinlich nicht gemacht haben. Trotzdem bejahten wir ihre Frage, und damit war die Sache auch für sie erledigt.
11. August 2009



Umweltschutz, Fuck Yeah

Wir spielten Was man nicht mehr sagt.
Herein
Da wird ja der Hund in der Pfanne verrückt
Morgenstund hat Gold im Mund wollte sie nicht gelten lassen.
Willst du mir einen Bären aufbinden?
Außerdem feierte das Mittelstufenmeme Nie Nacken freihalten eine variantenreiche Renaissance (Nie Gesicht freihalten etc.)
Komischer Urlaub.
29. July 2009
Aus Gründen, die ich auch einen Tag später noch nicht genau nachvollziehen kann, holte ich gestern zusammen mit Herrn Jottt den amerikanischen DJ und Vollzeitoldschooler Charles Glenn, unter HipHophistorikern besser bekannt als Afrika Islam, vom Flughafen ab und brachte ihn zu seinem Auftritt ins Kultopia in Hagen.
Während der 50km-Hinfahrt nach Düsseldorf zerbrachen wir zwei Angsthasen uns den Kopf, wie wir ihn ansprechen sollten. Mr. Islam? Monsieur Afrika? Charles?? Die Entscheidung wurde verschoben.
Spätestens als wir am Flughafen ankamen war die Nervosität von Herrn Jottt auch von Stevie Wonder nicht mehr zu übersehen. (*tusch*) Denn sollte bei der ganzen Aktion etwas schiefgehen wäre vor allem SEIN Hintern gearscht: Das ist ja immerhin ein Prominenter! Am liebsten hätte er mehrere Zigaretten gleichzeitig geraucht.
IMMERHIN kamen wir schon nach einer Viertelstunde Umherirren auf die Idee, mal auf die Ankunftstafeln zu schauen. Ganz unspektakulär reiste der werte Herr Afrika aus Berlin an, und laut Anzeige war seine Lufthansamaschine seit gut einer halben Stunde gelandet. Wir wurden bleich. Herr Jottt sah sich bereits einem Kündigungsschreiben ausgesetzt. Vielleicht mussten wir heute Abend noch eine Leiche identifizieren. Oder, noch schlimmer: Taxirechnungen bezahlen!
Wir liefen also zur Gepäckausgabe 4 und beruhigten uns dann doch recht schnell wieder, als wir sahen, dass zunächst noch die Urlauber aus Fuerteventura, allesamt in T-Shirts, aus der Zollkontrolle kamen.
Dann wurde es leerer. Bald standen wir zwei Amateure ziemlich alleine herum. Sichtlich geschockt sah Herr Jottt auf die Anzeigetafel über uns: Von einem Flug aus Berlin war da nicht mehr die Rede. Wir panikten entsprechend, entschieden uns aber ganz rational zum letzten aller Mittel: einer großen Ausrufaktion.
Der Mensch an der Flughafeninformation verstand nicht, wen genau er denn jetzt ausrufen soll. Also er heißt Afrika, richtig?
Könnte sein.
Ein paar angespannte Minuten später wurde zu unserer Überraschung Herr Jottt ausgerufen; er solle sich bitte zu McDonald’s begeben. — Was? Wir versicherten uns gegenseitig, dass das eben Gehörte keine Halluzination war, änderten die Laufrichtung, und tatsächlich: Es war Mr. Afrika Islam himself, der da leicht angepisst dreinblickend am Eingang des Burgerbraters stand. Gehobener Jogginganzug von Pelle Pelle, weiße Nikeschuhe, den Fischerhut celebritymäßig tief ins Gesicht gezogen, insgesamt nicht mehr als einen Meter sechzig groß.
I’m cool, cool war seine Antwort zur nun auf ihn hereinbrechenden Entschuldigungsorgie meinerseits. Anders als erwartet wurden wir nicht von zwei quer gehaltenen Ghettopistolen niedergestreckt.
In weiser Voraussicht entschuldigte ich mich bei der Gelegenheit auch gleich für die Größe von Herrn Jottts Wagen, der, um die Peinlichkeit auf die Spitze zu treiben, noch nicht mal Herrn Jottt selbst, sondern seiner Mutter gehörte. Aber auch das konnte den zweifachen Grammygewinner nicht schocken. As long as it get’s me there, I don’t care. But it does have four wheels, right?
Hell yeah!
Und so brausten wir durch die Nacht. Die Aufgaben waren verteilt: Herr Jottt fuhr den Kleinwagen und lachte an den richtigen Stellen, ich spielte den Übersetzer und stellte vom Rücksitz aus ermunternde Fragen, Afrika Islam gestikulierte wild herum und kommentierte das Weltmusikradio von Funkhaus Europa, das ihm wohl zusagte, obwohl weder Funk noch House, trotz des Namens.
Sicher, mit Westbam steht er noch in Kontakt, he’s just one phone call away. Ende der Neunziger waren die beiden als Mr. X & Mr. Y unterwegs, legten zusammen auf bei Mayday und Loveparade. Eine erneute Zusammenarbeit ist auch geplant, ein ganzes Album soll es werden, irgendwann vielleicht mal.
Themawechsel: Ice-T and me, we invented gangsta rap! — Das stimmt zwar nicht so ganz, hört sich aber interessant an. Die nun von Herrn Jottt und mir mit Spannung erwartete Gründerväterstory, in der der 18jährige Charles Glenn sich tagsüber den Weg durch den New Yorker Drogendschungel kämpft und abends dann bei DJ-Battles abräumt, bleibt leider aus. Stattdessen hören wir seine Meinung über Berliner Freizeitgangster á la Bushido, und sein Urteil fällt dann auch nicht gut aus, obwohl er ja nicht mal versteht, was diese Idioten da auf Deutsch von sich geben. Rap that in Brooklyn, I say. Rap that in Brooklyn!
Auch insgesamt gefällt ihm der deutsche HipHop nicht besonders. Why the shit are their beats so damn slow? Einzig den imagegewandelten Jungs von Deichkind kann er etwas abgewinnen; auch Curse hat es ihm wohl angetan. Zu den ehemals charttauglichen Rappern aus Hamburg und Stuttgart, von denen ich ohne groß nachdenken zu müssen ein gutes Dutzend aufzähle, hat er keine Meinung und winkt ab. Never heard of these guys… but I’m sure I hate Bushido.
Als wir die Autobahn verlassen fragt er, ob wir an der nächsten Tankstelle halten können. Den ersten Teil von “Jägermeister” spricht er aus wie den Nachnamen von Mick Jagger; ich sehe den richtigen Zeitpunkt gekommen ihn zu fragen, ob er noch Teil der Zulu-Nation ist, von denen viele Mitglieder das Leben auch ohne Alkohol- und Drogenexzesse zu meistern wissen.
Sicher, er ist auch heute noch ein Zulu, wie Westbam, Torch und sein geistiger Ziehvater (Zitat Wikipedia) Afrika Bambaataa. Das mit dem Jägermeister war auch nicht so gemeint, er möchte nur eben Wasser und Salzstangen kaufen. Im Rückspiegel sehe ich eine hochgezogene Augenbraue von Herrn Jottt.
Den kurzen Aufenthalt an der Tankstelle nutzen wir zum Durchatmen und versichern uns, dass es eigentlich ganz gut läuft. Afrika Islam kommt mit einer Flasche Wasser und Salzstangen zurück zum Wagen, eine Hosentasche seines Jogginganzugs ist verdächtig ausgebeult, aber Herr Jottt und ich sind Profi / feige genug ihn nicht darauf anzusprechen.
Als wir dann die trostlose B7 entlang fahren, die uns über Haspe und Wehringhausen zum Stadtzentrum führt, halte ich es für angebracht unserem Gast von seinem Zwei-Sterne-Hotel in Bahnhofsnähe zu erzählen. Jay-Z würde dort sicher nicht absteigen, aber der käme auch nie auf die Idee mal nach Hagen zu kommen. Afrika Islam hingegen, vorher eine Woche lang zu Promotionszwecken seines Charlie Funk-Projekts durch Polen getingelt, hat nicht mehr Komfort als nötig erwartet.
Was ihn viel mehr beschäftigt sind die leer gefegten Straßen: Where is everybody? Watching German Idol? Langsam dämmert es ihm wohl doch, welche Art von Stadt Hagen ist. Jetzt ist es eh zu spät.
Beim Anblick der winzigen Lobby des Hotels fühle ich mich so wie Hunter S. Thompson das abgewrackte Las Vegas erlebt haben muss: Der schwer überforderte und leicht homosexuelle Rezeptionist (This iss se sign for se breakfist ruum. It’s in se morning of course!) dazu die vielen Windungen des Möchtegern-Jugendstil-Teppichs, verstörende Portraits von deutschen Politikern an den Wänden… vollgepumpt mit Drogen möchte ich diesen Ort nicht erleben.
Während Afrika Islam als Charles Glenn eincheckt sehe ich, dass er eine Adresse in Hollywood, LA angegeben hat. Rap that in Brooklyn?
Natürlich verpassen wir auch die letzte Chance für einen Beweis, dass die letzten Stunden tatsächlich stattgefunden haben. Meine Kamera liegt selbstverständlich unten im Wagen. Autogrammkarten oder ähnlichen Blödsinn hat Mr. Glenn auch nicht dabei, er steckt uns ein paar Promotions-CDs zu und freut sich über das nicht allzu abgefuckte Badezimmer seines Hotelzimmers, das natürlich ganz am Ende des Flurs im obersten Stockwerk liegt.
Mir drückt er noch die neueste Ausgabe des Lufthansa-Magazins in die Hand, die ich dann während der Zugfahrt nach Hause mangels Alternativen mit dem entsprechenden Desinteresse lese. Auf Seite 52 ein Foto von Afrika Islam, auf dem Gepäckband vor ihm seine ausgepackten Habseligkeiten. Überschrift: Travelling in style.
23. March 2009

24 Jahre Randruhrgebiet. Mehr als genug.
Wie schon viele vor uns und wahrscheinlich auch viele nach uns verlassen wir das sinkende Schiff namens Hagen, das uns außer toto und dem kleinen Kino mit den unbequemen Sitzen nichts mehr zu geben hat.
Hagen verliert 50% seiner Blogger.
Der Zeitpunkt ist überfällig. Die Armseligkeit meiner Heimatstadt wird immer peinlicher. Ja, die Innenstadt ist renoviert worden, sieht fast gut aus, wir haben jetzt sogar eine kleine Mall, aber wie sollen wir bald zu den unschlagbar günstigen Ein-Euro-Läden kommen, wenn der ÖPNV weiter kaputtgespart wird? Gerade abends fahren in für mich relevante Richtungen kaum noch Busse, und wenn das nächste Sparpaket kommt (und es wird kommen) dann wird der Takt nochmal großzügig ausgedünnt.
Politik gegen die Menschen hat in Hagen Tradition. Der neueste Schildbürgerstreich wird die Erhöhung der Grundsteuer um 769% (das ist kein Tippfehler), eine Kopfgeburt des Spar-Mentors, den Hagen aufgebrummt bekommen hat, nach den Millionenverlusten mit Swap-Geschäften und der allgemeinen Misswirtschaft der letzten Jahrzehnte.

Na ja. Mir kann’s ja jetzt auch egal sein, dass die Schwimmbäder geschlossen werden, denn… *Trommelwirbel*… K und ich ziehen nach… *stärkerer Trommelwirbel* Münster! *Tusch*.
Münster in Westfalen. Richtig. Die Studentenstadt. Die Fahrradstadt. Die Busse-fahren-alle-zehn-Minuten-Stadt. Die Innenstadt-ist-für-Autos-gesperrt-Stadt. Die Steh-nicht-auf-dem-Radweg-rum-sonst-wirst-du-angebrüllt-bzw.-umgefahren-Stadt. Die lebenswerteste Stadt der Welt. o_Ó
Münster ist teuer. Hier wollen viele Menschen leben, besonders diese affigen Mittzwanziger, die das Leben in der Provinz satt haben und jetzt meinen in Münster würde alles anders werden. Hmm. Eine bezahlbare, aber nicht-abgeranzte Wohnung in Münster zu finden ist die Hölle, die wir in den letzten Wochen durchschritten haben. Mit Erfolg. Und Glück. Hier wohnen wir bald:

Überall mit dem Fahrrad hinfahren. Der Aasee mitten in der Stadt! Die kleinen Kinos! Der Prinzipalmarkt! Die Touristen! Der Regionalligafußball!
Ich freue mich.

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22. January 2009
Es gab nicht viele prägende Momente in Farrokhs unauffälligem Leben.
Wenn er die Augen schloss und mit einer für ihn ungewöhnlichen Angestrengtheit an seine früheste Kindheitserinnerung dachte, konnte er sich nicht entscheiden, ob die exhibitionistische Begegnung mit dem dicken Latzhosenkind auf dem Spielplatz vor oder nach dem Regenbogenvorfall an seinem vierten Geburtstag stattfand.
Woran er sich gut erinnerte, war der Geruch des Kuchens, den seine Mutter gebacken und mit vier Kerzen bestückt hatte. Sie war schon sehr früh auf die Idee gekommen, dass Möhrenkuchen Farrokhs Lieblingskuchen war. Ein Irrtum, der sich erst in Farrokhs unauffälliger Pubertät als solcher entpuppte, und das, wie Farrokh zugab, eher durch Zufall als durch aktives Einschreiten — wie so oft in seinem Leben.
Dass er seine Mutter überzeugt hatte, seine Haare erst nach seinem vierten Geburtstag zu schneiden, und nicht, wie sie es vorhatte, am Abend zuvor, erwies sich im Nachhinein als Fehler, aber das konnte zu diesem Zeitpunkt niemand wissen, am wenigsten Farrokh selbst.
Ob er denn nicht gewusst habe, dass Haare brennen können, wurde er mit einer ihn bald nervenden Regelmäßigkeit gefragt, an jedem Geburtstag kam es zur Sprache, wenn die Familie am gedeckten Geburtstagstisch saß und Farrokh auf den Möhrenkuchen starrte, der ihn von Jahr zu Jahr mehr anwiderte.
So unausweichlich wie die Frage, so einstudiert kam auch seine Antwort. Nein, wie soll ein gerade mal Vierjähriger denn wissen, was brennt und was nicht, und außerdem sei ja alles noch mal gut gegangen, oder?
Das stimmte. Als sein dünnes, schwarzes Haar von den Geburtstagskerzen entflammt wurde, stritten sich seine Eltern gerade wegen der Tatsache, dass Farrokhs Vater trotz Zelebrierung des Geburtstages seines Sohnes weder Hände noch Augen von der über den Tisch ausgebreiteten Zeitung nehmen konnte.
Dass ihr Sohn in Flammen stand, merkten sie erst, als Farrokhs dreijährige Schwester Alaka („das Mädchen mit dem reizenden Haar“), aufgeregt in den Raum rief: „Regenbogen! Regenbogen!“
Warum der brennende Farrokh bei Alaka diese Assoziation hervorrief, blieb lange unklar. Seine Haare hätten geleuchtet, erklärte sie ihm Jahre später, und das in allen Regenbogenfarben. Außerdem hatte sie kurz zuvor einen echten Regenbogen gesehen und ihre Eltern auf dieses Naturschauspiel aufmerksam machen wollen, doch die waren mit den bereits erwähnten Zeitungsstreitigkeiten und dem Austausch von größtenteils gerechtfertigten Feindseligkeiten beschäftigt.
Farrokh selbst hatte, so unglaubwürdig das auch klingen mag, den Brand seiner Haarpracht gar nicht richtig mitbekommen. Woran er sich viel deutlicher erinnerte, war die Hektik, die plötzlich ausbrach, das laute Knallen von auf den Boden fallenden Küchenstühlen, die weit aufgerissenen Augen seiner Mutter, das Geschrei seiner Schwester und die zusammengerollte, immer wieder auf seinen Kopf niedergehende Zeitung seines Vaters.
Der als Regenbogenvorfall in die Familiengeschichte eingehende Haarbrand musste vor der exhibitionistischen Begegnung mit dem dicken Latzhosenkind passiert sein, denn Farrokh fiel ein, dass ihn der Junge auf dem Spielplatz auf seine merkwürdige Frisur ansprach, bevor er ihn aufforderte, ihm seinen Penis zu zeigen.
Farrokh hatte sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, seine verbliebenen Haare von seiner Mutter „in Ordnung“ bringen zu lassen. Auch wenn er als Vierjähriger die Bedeutung des Wortes Schicksal nicht kannte, so spürte er doch, dass die unfreiwillige Neugestaltung seines Haupthaares einer Macht zuzuschreiben war, die, wenn es je zu einem Showdown käme, seiner Mutter überlegen wäre. Lieber nichts riskieren!
Dem übergewichtigen Kind mit der Latzhose zeigte er seinen Penis ohne groß darüber nachzudenken. Da der Junge trotz Farrokhs wortloser Entblößung nicht sonderlich beeindruckt schien, wackelte er zusätzlich mit der Hüfte, um seinen Penis in Schwingung zu bringen, damit dieser auf den Oberschenkeln ein klatschendes Geräusch erzeugte. Doch auch diese Art der Unterhaltung schien der Latzhosenträger schon des Öfteren erlebt zu haben; mit einer abwertenden Handbewegung ließ er Farrokh von der Überdrüssigkeit des ihm gebotenen Schauspiels Kenntnis nehmen.
Farrokh ließ sich dadurch noch mehr anspornen. Er beschleunigte sein Hüftwackeln und unterdrückte den Schmerz, den sein herumwirbelnder Penis durch den steten Aufprall erzeugte.
Eine ganz normale Kindheit.
15. January 2009
Das Karussell.
Man steigt in die Luft, wenn man am Hebel zieht.
Pilotengefühl.
Meine Mutter ging nicht gern mit zur Kirmes.
Zu laut, zu teuer.
Aber sie war da.
Als ich am Hebel zog und sie unten stehen sah, lächelte ich.
Bei jeder Umdrehung des Karussells, für einen kurzen Moment.
Blickkontakt.
Ihre hochgezogenen Augenbrauen.
Ihr freundlicher Blick, der zwar den Stress nicht verbergen konnte.
Dann verschwand mein Lächeln wieder.
Bis zur nächsten Umdrehung.
Da war er wieder, der Ich-mache-das-für-dich-Blick von ihr.
Vielleicht hattest du Recht.
Vielleicht war ich doch schon ein Jahr zu alt für das Karussell.
Meine Freunde fuhren schon Autoscooter, sogar rückwärts.
Aber trotzdem.
Du hast alles richtig gemacht.
Deswegen habe ich gelächelt.
♥
4. November 2008
Bevor nun auch die Milchtüten des Internets mit einem Bild von mir versehen werden: Ja, ich lebe noch, aber momentan eher off- als online. Wenn ich dann doch mal den Rechner anschalte um Mails und Blogs zu lesen hab ich kaum noch Lust selbst aktiv zu werden; Faulheit allein ist der Grund für den schleichenden Prozess vom Produzenten zurück zum Konsumenten. Dreht sich doch eh alles im Kreis, liebe Blogosphäre.
Was ist mit behaupte.es? Nichts mehr. Sicher, die ersten Wochen waren lustig, was haben wir gelacht, haha, aber warum ist die Seite eigentlich so lahmarschig, lieber Admin? Na ja. Aus Fehlern lernt man, sagt man, und das stimmt auch. Ich habe gelernt, dass es nicht sinnvoll ist, halbherzig eine Seite zu betreiben, die mindestens dreiviertelherzig geführt werden muss. behaupte.es hätte am Ende eine fulltime Moderations- und Kontrollaufsicht gebraucht, die ich nicht leisten konnte und wollte. Gibt halt viele böse Menschen da draußen.
Die Reißleine zu ziehen war auch wegen finanziellen Aspekten nötig, so ausrederisch und traurig das klingen mag.
Vermarktungstechnisch ist eine Webseite ohne Thema die reine Hölle, zumal nach dem anfänglichen Besucheransturm die Graphen in der Statistik nur noch eine Richtung kannten. Ein Server kostet Geld, jeden Monat wird fleißig abgebucht, was mir dann zum Leben fehlt.
Aber kommen wir zum Schluss dieses lange weggeschobenen Eintrags noch zu erfreulicheren Dingen, nämlich Details aus meinem skandalträchtigen Privatleben: Ich spiele wieder Fußball, also richtig mit Training und sonntäglichen Auswärtsspielen und 15 Uhr-Taktikbesprechungen (Konzentriert euch!), bei dem Verein mit dem schönsten aller Fußballclubnamen: Roter Stern Wehringhausen.
23. September 2008
Thinking of nothing in particular, I got out of the bus and heard someone shouting my name. It was C., parking his car in the middle of the road, waiting for his brother, giving rhythmic light signals in my direction, waving his hand in excitement.
I hate small talk. He smiled and raised his eyebrows in a way I knew too well. How’s it going? he asked. Oh, I’m fine.
We were as close as friends could get, back in the glorious chapter of life called adolescence. At the age of fifteen he figured out his father was hiding weed in the fridge. We blasted it in the backyard, threw the stubs on the neighbour’s plants, gave the single-finger salute to trespassers. We felt like little kings, in a very retarded way.
I’m playing basketball again he explained. Sure, it’s just a matter of practice, like with girls. They loved him, and I proudly wore the silver medal. His biggest failure used to be that he never really understood the importance of not talking about motorbikes and basketball when he wanted to explore what was inside the girls underwire bras.
Simply because he didn’t lose his virginity at such a ridiculously young age like me and most of our friends, we made fun of him for years. In retrospective, that’s one of the most embarrassing things I’ve ever done to others. You’re still unfucked, C.? I always felt sorry for doing so, although I never told him. Young and stupid and what’s that empathy you’re talking about?
His brother arrived. Alright then he said, We’re already late. You’re still living where they’ve left you? I’ll give you a call. We both knew he wouldn’t.
9. July 2008

Läppische 11,83 Kilometer laut Google Earth.
Mit den atarielektronischen Crystal Castles auf dem Ohr die Hestert hochgeschlängelt, wohlwissend weiträumig den hoch gelegenen Privatweg gemieden, an dem mich vorgestern fast ein Killerhund verschlungen hätte, dann an der Kampfbahn vorbei in den Wald.
Die erste Wegbiegung (auf dem Bild: von unten kommend die Rechtskurve) ist gleich schon die Schlimmste; eine ekelhaft steile Schotterpiste, auf der das Hinterrad im ersten Gang durchdreht und Sekundenverschnaufpausen absteigen und schieben bedeuten. Den Berg spazierengehend zu bezwingen ist schon nervig, das Ganze per Rad zu versuchen grenzt an suizidale Selbstgeißelung, aber was tut man nicht alles für die… für die… Selbstbestätigung ist es wohl.
Die erste Pause gönne ich mir aber erst hier, auf 309 Metern, wenn der Dreiviertelaufstieg geschafft ist und die Wegführung Erbarmen zeigt. Meine Oberschenkel sagen mir, dass sie da sind.
Dem Griff zur Wasserflasche folgen ein paar Minuten in der Gegend herumstehen. Ich denke u.a. an Remisprämien für Profifußballer, an Münster und Schuhe. Ob in der Reihenfolge weiß ich nicht.
Bis zum Elsa-Brändström-Weg, der mich zum Kaiser-Friedrich-Turm führt, ist es nicht weit. Die Steigung ist im direkten Vergleich lächerlich und lässt mich selbst in mittelschweren Gängen relativ hechelfrei vorwärts kommen. Am Förstereiamt oder wie das heißt ist der Weg dann erstmals betoniert, was mit geschlossenen Augen für ein paar Sekunden eine Wohltat ist. Samstags bleiben die elektrischen (Nerven-)Sägen still.
Am Turm angekommen empfinde ich die 50 Cent, die ich bezahlen soll, wenn ich über die Wendeltreppe noch oben steigen möchte, als Affront gegen meine körperliche Anstrengung, die vonnöten war, um überhaupt bis hierhin zu gelangen, meine Herren! Als extrem lässig-cooler Unverbesserlicher, der ich nun mal bin, strotze ich der Gefahr und begebe mich nach oben. Dort ist es windig. Mehr gibt es nicht zu sagen.

Nach diesem Zwischenfall, der meinen Status als anarchistisch-revolutionärem Systemkritiker bei Freunden und Verwandten bis weit in die Zukunft festigen wird, geht es den steigungsarmen Kaiser-Friedrich-Pfad entlang, der dann irgendwann zum Höhenweg wird, 337 Meter über Normalnull, und hier beginnt der schöne Teil der Radtour, weil es von nun an eigentlich nur noch bergab geht.
Windgeschüttelt und entsprechend schnell unterwegs verpasse ich fast den von Generationen von trinkwütigen Jugendlichen sorgsam ausgebauten Trampelpfad zum Fürst-Bismarck-Turm.
Um das revolutionäre Reizpotential des Friedrich-Pendant nicht noch weiter auf die Spitze zu treiben wurde der Turm präventiv von Bauzäunen umgeben, einen 50-Cent-Turmbesteigungskasten suche ich vergeblich. Stattdessen setze ich mich auf eine Bank, die laut eingekratzer Inschrift einem gewissen J. gehört, der zudem eine M. liebt bzw. liebte, 2005 ist schließlich schon lange her und Bänke gibt es viele.
Auf J.s Eigentum verweilend rauche ich bewusst nicht. Diese ständigen Belohnungen müssen ein Ende haben.

(Click to enlarge your penis)
Wegen der geschätzten 50 km/h, mit denen ich ohne Helm den Goldberghang herunterrase, bekomme ich vom durchaus silvesterfähigen Stadtpanorama kaum etwas mit. In der ebenfalls steil abwärts führenden Böhmerstraße kommt mir der einzige Radfahrer während der gesamten Tour entgegen, ein bundeswehrsachentragender Quietschradbesitzer, der mir kollegial zunickt.
Aus Hagens Autoinnenstadt kann man als Radfahrer nicht schnell genug herauskommen, und so entscheide ich mich für den direkten Weg nach good-ol’ Wehringhausen, der mich an einem Jugendzentrum vorbeiführt, an dem ausschließlich in schwarz Gekleidete die letzten samstäglichen Sonnenstrahlen genießen, auch wenn sie das wohl nicht zugeben würden, der Schein muss schließlich gewahrt werden, der Subkultur zuliebe.
Die Lange Straße heißt völlig zurecht so. Sie ist so etwas wie das Herz dieses Stadtteils, hier wird eingekauft, Bier auf Klappstühlen getrunken, Eis gegessen, gedealt, Fußball gespielt und alte Leute beklagen Nichtigkeiten, damit die Kommunikation auch mal über die mit dem Haustier hinausgeht.
Der abschließende obligatorischer Rant gegen die Stadt: Die Schildbürger haben auch hier ganze Arbeit geleistet. Der Radweg ist geschätzte 20 Meter lang, führt ins Nichts und wird von den Anwohnern als rot unterlegter Parkplatz genutzt, worüber sich aber niemand aufregt, schließlich fahren hier alle mit dem Auto, das Benzin ist ja gerade billig.
Heim.
29. June 2008
Ein Exemplar dieser überteuerten Web-Zeitschriften, unter zehn Euro geht da nichts, lag im Briefkasten, und ich weiß nicht warum. Bestellt hab ich nichts. Anbei ein halber Standardbrief, bei Anregungen soll ich eine E-Mail schreiben, was ich aber nicht vorhabe.
Inhaltlich absolut OK, ein paar Artikel sind relevant to mah interests, typografisch wurde recht eindeutig bei der c’t abgeschaut, manche Autoren kenne ich sogar zumindest vom Namen / Weblog her. Das Drama: Ausgaben im Dreimonatsrhythmus, als ob meine Welt nicht eh schon langsam zu schnell für Papier wäre. Webnews von letzter Woche, das ist wie jetzt die Tagesschau von Anfang Februar ansehen und sich dann bestens informiert fühlen.
Abschließende Frage: Sollte ich mir mehr Sorgen machen als sonst?
25. March 2008
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