35 km/h
Erst wollte ich ja ganz ohne T-Shirt, aber dann entscheide ich mich doch um. Das würde dann doch zu arrogant-großstädtisch-stolz wirken, rede ich mir ein. Ein Rudi-Völler-Gedenk-Shirt ziehe ich mir über, so soll es sein.
Fahrradreifen können also unterschiedliche Ventile haben, die unterschiedliche Pumpen benötigen, stelle ich fest.
Nach zehn Minuten Herumprobiererei, tiefschwarzen Fingern und Na-dann-bleib-ich-halt-Zuhause-verdammt-nochmal-Gedanken verstehe ich das Prinzip endlich. Spinnweben an den Felgen zeugen von meiner mehrmonatigen Pedalstrampelabstinenz, auch den Sattel muss ich höher schrauben, obwohl ich bestimmt nicht gewachsen bin, ha ha, schön wär’s.
Jetzt aber los.
Die Sonne brennt fast, auch wenn die Tagesschau schon läuft. Der Fahrtwind ist unglaublich erfrischend, meine Haare wirbeln in alle Himmelsrichtungen, aber wo fahre ich eigentlich hin? Erstmal über die ziegelsteinige Bezirkssportanlage, wo früher eine den halben Stadtteil umfassende Stahlfabrik stand; damals, als man in Haspe noch Arbeit fand, als man fast stolz war, hier wohnen zu können.
Lange ist das her.
Vorbei an den metallenen Skate-Rampen, die Sonntag abends verlassen in der Landschaft stehen; den Teenagern ist wohl das Marihuana ausgegangen. Nur ein paar Grundschüler versuchen sich auf ihren Skateboards, fallen hin, lachen, fragen rhetorisch Hast du das gesehen?, beglückwünschen sich gegenseitig ob des für alle Beteiligten freudigen Spektakels.
Vorbei an Tennisplätzen, wo sich die Nordic-Walking-Generation zu später Stunde das eine oder andere Glas Sekt gönnt. Ein Rentner in rentnerbeige faucht mich an, ich solle hier nicht Rad fahren; ich deute stumm auf das stilisierte Fahrrad auf dem Straßenschild, an dem ich schwitzend vorbeibrause.
Durch das Gewerbegebiet, wo sich Zigarettenautomatenfüllerfirmen neben ganzheitlichen Körpermassagedienstleistern angesiedelt haben. Der Teer hier ist noch frisch, ich nehme richtig Fahrt auf, fordere die Geschwindigkeit, ignoriere die Schmerzen, lande in einer Sackgasse. Dort sitzen adoleszente Rollerfahrer bei BigMäc und Flaschenbier, grölen mich an, während ich mit starrem Blick einen erzwungenen Bogen um sie fahre.
Auf dem Weg zu meiner alten Schule übersieht ein Cabrio meine Grünphase, seine Reifen quietschen feminin, wenn man das so sagen kann. Ein bisschen melancholisch strampel ich an dem riesigen Betonbaum vorbei, in dem ich Wahrscheinlichkeitsrechnung, die Französische Revolution, Goethe, aber primär das andere Geschlecht kennen gelernt habe. Durch den Park, in dem mir auf Lunge rauchen beigebracht wurde. Waren das Zeiten.
Auf dem angrenzenden Gummibolzplatz wird das weltweit beliebte Hoch rein von einer handvoll Heranwachsender praktiziert. Nie habe ich ein Spiel gesehen, dessen Inhalt so klar in seinem Titel verdeutlicht wird: Jemand nimmt den Ball hoch, ein anderer schießt ihn rein. Fertig ist der stundenlange Spaß.
Würde ich den Weg hier weiterfahren, käme mir die gerade stattfindende, Busfahrpläne durcheinander würfelnde GOTTVERDAMMTE Hasper Kirmes in die Quere. Ein bergiger Umweg ist die Alternative, aber das macht unter gegebenen Umständen gar nichts. Also durch die Hundepisseunterführung, und das viel zu schnell, bevor ich mich für eine Richtung entscheiden kann ist die linke Abzweigung schon passé. Ich rausche an vier modischen Mädchen vorbei, sie unterhalten sich über Jungs oder Palästina oder Kokain, das ist schwer zu sagen, bei keuchenden 35 km/h.
18. June 2006
Archiviert unter: Home is where your heart is, Those were the days

4 Kommentare
1. Willi | 19. June 2006 um 13:35 Uhr
Mir flimmerten beim Lesen die Bilder vor meinem geistigem Auge.
Sehr schön!
2. plasmaoxyd | 19. June 2006 um 16:17 Uhr
Das erinnert mich an manche verdammte Spaziergänge durch die eigene Stadt …
Ich wette mit dir, dass du diesen Text am liebsten schon auf dem Rad noch während der Fahrt zu Papier gebracht hättest! =D
3. Simon | 19. June 2006 um 20:53 Uhr
Willi, die beschriebenen Örtlichkeiten müssten dir ja bekannt sein, wenn du dich mal aus dem schönen Wehringhausen heraus traust. (Es soll ja Menschen geben, die verlassen Hagens linksten Stadtteil so gut wie nie!)
Marc, am liebsten direkt in ein Diktiergerät hinein (“Fahre nach links… Fußballplatz… hier am besten Hoch rein erklären… die Kirmes meiden, den Hass darauf besonders betonen… wie viele Mädchen waren das gerade? Eins, zwei…)
4. K | 19. June 2006 um 22:45 Uhr
Wie immer sehr schön (einfach die richtigen Worte, Willi).
Wäre gern dabei gewesen – auch, wenn du dann auf’s Mädchen zählen hättest verzichten müssen :-).
Ich küsse dich, du göttlicher Wortzusammenfüger.
Kommentar schreiben
HTML ist erlaubt:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>
Trackback-URL | Kommentare abbonieren (RSS) | zurück zur Startseite
Katzenkonzentration II: Wie er den Tag verbringt Vielen Dank auch, Kapitalismus!