Rap that in Brooklyn

Aus Gründen, die ich auch einen Tag später noch nicht genau nachvollziehen kann, holte ich gestern zusammen mit Herrn Jottt den amerikanischen DJ und Vollzeitoldschooler Charles Glenn, unter HipHophistorikern besser bekannt als Afrika Islam, vom Flughafen ab und brachte ihn zu seinem Auftritt ins Kultopia in Hagen.

Während der 50km-Hinfahrt nach Düsseldorf zerbrachen wir zwei Angsthasen uns den Kopf, wie wir ihn ansprechen sollten. Mr. Islam? Monsieur Afrika? Charles?? Die Entscheidung wurde verschoben.
Spätestens als wir am Flughafen ankamen war die Nervosität von Herrn Jottt auch von Stevie Wonder nicht mehr zu übersehen. (*tusch*) Denn sollte bei der ganzen Aktion etwas schiefgehen wäre vor allem SEIN Hintern gearscht: Das ist ja immerhin ein Prominenter! Am liebsten hätte er mehrere Zigaretten gleichzeitig geraucht.

IMMERHIN kamen wir schon nach einer Viertelstunde Umherirren auf die Idee, mal auf die Ankunftstafeln zu schauen. Ganz unspektakulär reiste der werte Herr Afrika aus Berlin an, und laut Anzeige war seine Lufthansamaschine seit gut einer halben Stunde gelandet. Wir wurden bleich. Herr Jottt sah sich bereits einem Kündigungsschreiben ausgesetzt. Vielleicht mussten wir heute Abend noch eine Leiche identifizieren. Oder, noch schlimmer: Taxirechnungen bezahlen!

Wir liefen also zur Gepäckausgabe 4 und beruhigten uns dann doch recht schnell wieder, als wir sahen, dass zunächst noch die Urlauber aus Fuerteventura, allesamt in T-Shirts, aus der Zollkontrolle kamen.
Dann wurde es leerer. Bald standen wir zwei Amateure ziemlich alleine herum. Sichtlich geschockt sah Herr Jottt auf die Anzeigetafel über uns: Von einem Flug aus Berlin war da nicht mehr die Rede. Wir panikten entsprechend, entschieden uns aber ganz rational zum letzten aller Mittel: einer großen Ausrufaktion.
Der Mensch an der Flughafeninformation verstand nicht, wen genau er denn jetzt ausrufen soll. Also er heißt Afrika, richtig?

Könnte sein.

Ein paar angespannte Minuten später wurde zu unserer Überraschung Herr Jottt ausgerufen; er solle sich bitte zu McDonald’s begeben. — Was? Wir versicherten uns gegenseitig, dass das eben Gehörte keine Halluzination war, änderten die Laufrichtung, und tatsächlich: Es war Mr. Afrika Islam himself, der da leicht angepisst dreinblickend am Eingang des Burgerbraters stand. Gehobener Jogginganzug von Pelle Pelle, weiße Nikeschuhe, den Fischerhut celebritymäßig tief ins Gesicht gezogen, insgesamt nicht mehr als einen Meter sechzig groß.

I’m cool, cool war seine Antwort zur nun auf ihn hereinbrechenden Entschuldigungsorgie meinerseits. Anders als erwartet wurden wir nicht von zwei quer gehaltenen Ghettopistolen niedergestreckt.
In weiser Voraussicht entschuldigte ich mich bei der Gelegenheit auch gleich für die Größe von Herrn Jottts Wagen, der, um die Peinlichkeit auf die Spitze zu treiben, noch nicht mal Herrn Jottt selbst, sondern seiner Mutter gehörte. Aber auch das konnte den zweifachen Grammygewinner nicht schocken. As long as it get’s me there, I don’t care. But it does have four wheels, right?

Hell yeah!

Und so brausten wir durch die Nacht. Die Aufgaben waren verteilt: Herr Jottt fuhr den Kleinwagen und lachte an den richtigen Stellen, ich spielte den Übersetzer und stellte vom Rücksitz aus ermunternde Fragen, Afrika Islam gestikulierte wild herum und kommentierte das Weltmusikradio von Funkhaus Europa, das ihm wohl zusagte, obwohl weder Funk noch House, trotz des Namens.

Sicher, mit Westbam steht er noch in Kontakt, he’s just one phone call away. Ende der Neunziger waren die beiden als Mr. X & Mr. Y unterwegs, legten zusammen auf bei Mayday und Loveparade. Eine erneute Zusammenarbeit ist auch geplant, ein ganzes Album soll es werden, irgendwann vielleicht mal.

Themawechsel: Ice-T and me, we invented gangsta rap! — Das stimmt zwar nicht so ganz, hört sich aber interessant an. Die nun von Herrn Jottt und mir mit Spannung erwartete Gründerväterstory, in der der 18jährige Charles Glenn sich tagsüber den Weg durch den New Yorker Drogendschungel kämpft und abends dann bei DJ-Battles abräumt, bleibt leider aus. Stattdessen hören wir seine Meinung über Berliner Freizeitgangster á la Bushido, und sein Urteil fällt dann auch nicht gut aus, obwohl er ja nicht mal versteht, was diese Idioten da auf Deutsch von sich geben. Rap that in Brooklyn, I say. Rap that in Brooklyn!

Auch insgesamt gefällt ihm der deutsche HipHop nicht besonders. Why the shit are their beats so damn slow? Einzig den imagegewandelten Jungs von Deichkind kann er etwas abgewinnen; auch Curse hat es ihm wohl angetan. Zu den ehemals charttauglichen Rappern aus Hamburg und Stuttgart, von denen ich ohne groß nachdenken zu müssen ein gutes Dutzend aufzähle, hat er keine Meinung und winkt ab. Never heard of these guys… but I’m sure I hate Bushido.

Als wir die Autobahn verlassen fragt er, ob wir an der nächsten Tankstelle halten können. Den ersten Teil von “Jägermeister” spricht er aus wie den Nachnamen von Mick Jagger; ich sehe den richtigen Zeitpunkt gekommen ihn zu fragen, ob er noch Teil der Zulu-Nation ist, von denen viele Mitglieder das Leben auch ohne Alkohol- und Drogenexzesse zu meistern wissen.
Sicher, er ist auch heute noch ein Zulu, wie Westbam, Torch und sein geistiger Ziehvater (Zitat Wikipedia) Afrika Bambaataa. Das mit dem Jägermeister war auch nicht so gemeint, er möchte nur eben Wasser und Salzstangen kaufen. Im Rückspiegel sehe ich eine hochgezogene Augenbraue von Herrn Jottt.
Den kurzen Aufenthalt an der Tankstelle nutzen wir zum Durchatmen und versichern uns, dass es eigentlich ganz gut läuft. Afrika Islam kommt mit einer Flasche Wasser und Salzstangen zurück zum Wagen, eine Hosentasche seines Jogginganzugs ist verdächtig ausgebeult, aber Herr Jottt und ich sind Profi / feige genug ihn nicht darauf anzusprechen.

Als wir dann die trostlose B7 entlang fahren, die uns über Haspe und Wehringhausen zum Stadtzentrum führt, halte ich es für angebracht unserem Gast von seinem Zwei-Sterne-Hotel in Bahnhofsnähe zu erzählen. Jay-Z würde dort sicher nicht absteigen, aber der käme auch nie auf die Idee mal nach Hagen zu kommen. Afrika Islam hingegen, vorher eine Woche lang zu Promotionszwecken seines Charlie Funk-Projekts durch Polen getingelt, hat nicht mehr Komfort als nötig erwartet.

Was ihn viel mehr beschäftigt sind die leer gefegten Straßen: Where is everybody? Watching German Idol? Langsam dämmert es ihm wohl doch, welche Art von Stadt Hagen ist. Jetzt ist es eh zu spät.

Beim Anblick der winzigen Lobby des Hotels fühle ich mich so wie Hunter S. Thompson das abgewrackte Las Vegas erlebt haben muss: Der schwer überforderte und leicht homosexuelle Rezeptionist (This iss se sign for se breakfist ruum. It’s in se morning of course!) dazu die vielen Windungen des Möchtegern-Jugendstil-Teppichs, verstörende Portraits von deutschen Politikern an den Wänden… vollgepumpt mit Drogen möchte ich diesen Ort nicht erleben.

Während Afrika Islam als Charles Glenn eincheckt sehe ich, dass er eine Adresse in Hollywood, LA angegeben hat. Rap that in Brooklyn?

Natürlich verpassen wir auch die letzte Chance für einen Beweis, dass die letzten Stunden tatsächlich stattgefunden haben. Meine Kamera liegt selbstverständlich unten im Wagen. Autogrammkarten oder ähnlichen Blödsinn hat Mr. Glenn auch nicht dabei, er steckt uns ein paar Promotions-CDs zu und freut sich über das nicht allzu abgefuckte Badezimmer seines Hotelzimmers, das natürlich ganz am Ende des Flurs im obersten Stockwerk liegt.

Mir drückt er noch die neueste Ausgabe des Lufthansa-Magazins in die Hand, die ich dann während der Zugfahrt nach Hause mangels Alternativen mit dem entsprechenden Desinteresse lese. Auf Seite 52 ein Foto von Afrika Islam, auf dem Gepäckband vor ihm seine ausgepackten Habseligkeiten. Überschrift: Travelling in style.

7 Kommentare 23. March 2009

argh

Wenn diese Odyssee zwischen genossenschaftlichen Empfangsdrachen und spurlos verschwundenen Handwerkern endlich vorbei ist schreibe ich ein Buch: Der Proceß 2.0

Frau S. ist schon im Wochenende

Davon weiß ich nichts

spätestens Ende nächster Woche

Davon weiß ich nichts

Herr P. hat noch Urlaub

Davon weiß ich nichts

Die Handwerker werden sich bei Ihnen dann melden

Davon weiß ich nichts

Kafka wäre stolz.

(Edit: den Schuh ziehe ich mir nicht an)

Kommentieren 11. February 2009

We’ve got no chance if were going on this way
You mean such a lot to me
I dont wanna be your lover for the weekend
Love in a womans heart
I wanna have a whole and not a part
Strange that this feeling grows more and more
‘Cause I’ve never loved someone like you before

Kommentieren 04. February 2009

M’jehli lässt es sich gut gehen

Kommentieren 04. February 2009

Wir siedeln

24 Jahre Randruhrgebiet. Mehr als genug.

Wie schon viele vor uns und wahrscheinlich auch viele nach uns verlassen wir das sinkende Schiff namens Hagen, das uns außer toto und dem kleinen Kino mit den unbequemen Sitzen nichts mehr zu geben hat.

Hagen verliert 50% seiner Blogger.

Der Zeitpunkt ist überfällig. Die Armseligkeit meiner Heimatstadt wird immer peinlicher. Ja, die Innenstadt ist renoviert worden, sieht fast gut aus, wir haben jetzt sogar eine kleine Mall, aber wie sollen wir bald zu den unschlagbar günstigen Ein-Euro-Läden kommen, wenn der ÖPNV weiter kaputtgespart wird? Gerade abends fahren in für mich relevante Richtungen kaum noch Busse, und wenn das nächste Sparpaket kommt (und es wird kommen) dann wird der Takt nochmal großzügig ausgedünnt.

Politik gegen die Menschen hat in Hagen Tradition. Der neueste Schildbürgerstreich wird die Erhöhung der Grundsteuer um 769% (das ist kein Tippfehler), eine Kopfgeburt des Spar-Mentors, den Hagen aufgebrummt bekommen hat, nach den Millionenverlusten mit Swap-Geschäften und der allgemeinen Misswirtschaft der letzten Jahrzehnte.

Na ja. Mir kann’s ja jetzt auch egal sein, dass die Schwimmbäder geschlossen werden, denn… *Trommelwirbel*… K und ich ziehen nach… *stärkerer Trommelwirbel* Münster! *Tusch*.

Münster in Westfalen. Richtig. Die Studentenstadt. Die Fahrradstadt. Die Busse-fahren-alle-zehn-Minuten-Stadt. Die Innenstadt-ist-für-Autos-gesperrt-Stadt. Die Steh-nicht-auf-dem-Radweg-rum-sonst-wirst-du-angebrüllt-bzw.-umgefahren-Stadt. Die lebenswerteste Stadt der Welt. o_Ó

Münster ist teuer. Hier wollen viele Menschen leben, besonders diese affigen Mittzwanziger, die das Leben in der Provinz satt haben und jetzt meinen in Münster würde alles anders werden. Hmm. Eine bezahlbare, aber nicht-abgeranzte Wohnung in Münster zu finden ist die Hölle, die wir in den letzten Wochen durchschritten haben. Mit Erfolg. Und Glück. Hier wohnen wir bald:

Überall mit dem Fahrrad hinfahren. Der Aasee mitten in der Stadt! Die kleinen Kinos! Der Prinzipalmarkt! Die Touristen! Der Regionalligafußball!

Ich freue mich.

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9 Kommentare 22. January 2009

Überfällig

1 Kommentar 17. January 2009

Farrokh

Es gab nicht viele prägende Momente in Farrokhs unauffälligem Leben.
Wenn er die Augen schloss und mit einer für ihn ungewöhnlichen Angestrengtheit an seine früheste Kindheitserinnerung dachte, konnte er sich nicht entscheiden, ob die exhibitionistische Begegnung mit dem dicken Latzhosenkind auf dem Spielplatz vor oder nach dem Regenbogenvorfall an seinem vierten Geburtstag stattfand.

Woran er sich gut erinnerte, war der Geruch des Kuchens, den seine Mutter gebacken und mit vier Kerzen bestückt hatte. Sie war schon sehr früh auf die Idee gekommen, dass Möhrenkuchen Farrokhs Lieblingskuchen war. Ein Irrtum, der sich erst in Farrokhs unauffälliger Pubertät als solcher entpuppte, und das, wie Farrokh zugab, eher durch Zufall als durch aktives Einschreiten — wie so oft in seinem Leben.
Dass er seine Mutter überzeugt hatte, seine Haare erst nach seinem vierten Geburtstag zu schneiden, und nicht, wie sie es vorhatte, am Abend zuvor, erwies sich im Nachhinein als Fehler, aber das konnte zu diesem Zeitpunkt niemand wissen, am wenigsten Farrokh selbst.
Ob er denn nicht gewusst habe, dass Haare brennen können, wurde er mit einer ihn bald nervenden Regelmäßigkeit gefragt, an jedem Geburtstag kam es zur Sprache, wenn die Familie am gedeckten Geburtstagstisch saß und Farrokh auf den Möhrenkuchen starrte, der ihn von Jahr zu Jahr mehr anwiderte.
So unausweichlich wie die Frage, so einstudiert kam auch seine Antwort. Nein, wie soll ein gerade mal Vierjähriger denn wissen, was brennt und was nicht, und außerdem sei ja alles noch mal gut gegangen, oder?
Das stimmte. Als sein dünnes, schwarzes Haar von den Geburtstagskerzen entflammt wurde, stritten sich seine Eltern gerade wegen der Tatsache, dass Farrokhs Vater trotz Zelebrierung des Geburtstages seines Sohnes weder Hände noch Augen von der über den Tisch ausgebreiteten Zeitung nehmen konnte.
Dass ihr Sohn in Flammen stand, merkten sie erst, als Farrokhs dreijährige Schwester Alaka („das Mädchen mit dem reizenden Haar“), aufgeregt in den Raum rief: „Regenbogen! Regenbogen!“
Warum der brennende Farrokh bei Alaka diese Assoziation hervorrief, blieb lange unklar. Seine Haare hätten geleuchtet, erklärte sie ihm Jahre später, und das in allen Regenbogenfarben. Außerdem hatte sie kurz zuvor einen echten Regenbogen gesehen und ihre Eltern auf dieses Naturschauspiel aufmerksam machen wollen, doch die waren mit den bereits erwähnten Zeitungsstreitigkeiten und dem Austausch von größtenteils gerechtfertigten Feindseligkeiten beschäftigt.
Farrokh selbst hatte, so unglaubwürdig das auch klingen mag, den Brand seiner Haarpracht gar nicht richtig mitbekommen. Woran er sich viel deutlicher erinnerte, war die Hektik, die plötzlich ausbrach, das laute Knallen von auf den Boden fallenden Küchenstühlen, die weit aufgerissenen Augen seiner Mutter, das Geschrei seiner Schwester und die zusammengerollte, immer wieder auf seinen Kopf niedergehende Zeitung seines Vaters.

Der als Regenbogenvorfall in die Familiengeschichte eingehende Haarbrand musste vor der exhibitionistischen Begegnung mit dem dicken Latzhosenkind passiert sein, denn Farrokh fiel ein, dass ihn der Junge auf dem Spielplatz auf seine merkwürdige Frisur ansprach, bevor er ihn aufforderte, ihm seinen Penis zu zeigen.
Farrokh hatte sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, seine verbliebenen Haare von seiner Mutter „in Ordnung“ bringen zu lassen. Auch wenn er als Vierjähriger die Bedeutung des Wortes Schicksal nicht kannte, so spürte er doch, dass die unfreiwillige Neugestaltung seines Haupthaares einer Macht zuzuschreiben war, die, wenn es je zu einem Showdown käme, seiner Mutter überlegen wäre. Lieber nichts riskieren!
Dem übergewichtigen Kind mit der Latzhose zeigte er seinen Penis ohne groß darüber nachzudenken. Da der Junge trotz Farrokhs wortloser Entblößung nicht sonderlich beeindruckt schien, wackelte er zusätzlich mit der Hüfte, um seinen Penis in Schwingung zu bringen, damit dieser auf den Oberschenkeln ein klatschendes Geräusch erzeugte. Doch auch diese Art der Unterhaltung schien der Latzhosenträger schon des Öfteren erlebt zu haben; mit einer abwertenden Handbewegung ließ er Farrokh von der Überdrüssigkeit des ihm gebotenen Schauspiels Kenntnis nehmen.
Farrokh ließ sich dadurch noch mehr anspornen. Er beschleunigte sein Hüftwackeln und unterdrückte den Schmerz, den sein herumwirbelnder Penis durch den steten Aufprall erzeugte.

Eine ganz normale Kindheit.

2 Kommentare 15. January 2009

M

1 Kommentar 28. December 2008

Jakobus

Kommentieren 25. December 2008

Querverweis

Gleich mitmachen: Bei 1000ff wird ein Amazon-Gutschein verlost.

Kommentieren 09. December 2008

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